Eltern die zu Begleitungen bei mir sind oder waren lade ich ein einen Geburtsbericht oder die Erfahrungen mit ihrem Baby aufzuschreiben und wenn die Eltern möchten diese Berichte hier auf der Seite zu veröffntlichen.
Die Berichte werden und wurden von mir nicht zensiert oder verändert.
Liebe Hebammen, Baby-Kursleiterinnen, Ärzte
Ich weiss, Ihr habt es Alle nur gut gemeint – ich weiss, Ihr seid „Fachleute”, wenn es um Babies geht und Ihr möchtet helfen und unterstützen – doch genau das, habt Ihr leider sehr oft nicht getan. Die vermeintliche Hilfe ging für uns so häufig völlig am Ziel vorbei und hat unsere Lage eher schlechter als besser gemacht. Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht von Erwartungshaltungen, Ratschlägen und tausend verschiedenen Meinungen verrückt machen zu lassen, doch in einem ruhigen Moment im Nachhinein erkenne ich, wie sehr ich doch von all dem verunsichert war – und das in einer Situation geprägt von Schlafmangel, Hormonchaos, körperlicher Überforderung und geistiger und sozialer Unterforderung.
Unser Baby war von Anfang an innig geliebt und sehnlich erwartet, doch nach einer nicht ganz einfachen Schwangerschaft voller Schmerzen und einer schweren Geburt, stellte sich heraus, dass unser Baby einiges mehr von uns braucht, als wir zuvor dachten.
Vieles verunsichert mich heute nicht mehr, sondern macht mich eher wütend.
Deshalb muss ich Euch doch einmal schreiben, was ich alles nicht gebraucht hätte…
Im Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus hätte ich es nicht gebraucht, dass uns suggeriert wurde, dass natürliche Geburten ohne medizinische Eingriffe der Standard sind und jede Frau quasi selbst dafür verantwortlich ist, wie die Geburt verläuft.
Ich habe fleissig atmen und Geburtspositionen geübt, positive Bilder vor meinem inneren Auge hervorgerufen, Mantras zum Verarbeiten der Wehen erlernt – doch die Geburt verlief völlig anders als gedacht, denn die Wehen kündigten sich nicht lange an, sondern setzten plötzlich mit aller Wucht ein und kamen sofort alle 3 Minuten. Wir hatten direkt im Kreissaal angekommen grünes Fruchtwasser, unser Baby hatte Stress, die Herztöne gingen immer hoch, wenn ich mich setzen wollte, sodass ich die Wehen lange nur im Stehen verarbeiten konnte. Wie sich später herausstellte, hatte sich unser Schatz auch die Nabelschnur mehrmals um den Hals gewickelt. Nach fast 15 Stunden steckte er fest und musste mit der Zange geholt werden. Und ich fühlte mich wie ein Versager, weil ich es nicht ohne Schmerzmittel und nicht ohne ärztlichen Eingriff geschafft hatte, mein Baby auf die Welt zu bringen. Ich habe stundenlang gearbeitet, doch diese Leistung, die mein Baby und ich gemeinsam vollbracht hatten, konnte ich erstmal nicht richtig sehen. Ich war einfach nur unendlich erschöpft.
Uns wurde immer gesagt, wir sollten uns nicht mit negativen Geburtserfahrungen anderer Frauen belasten (denn dann beschwören wir es ja selbst herauf…), doch heute denke ich, es wäre viel hilfreicher gewesen, uns auch im Geburtsvorbereitungskurs nicht nur am Rande, sondern als grosses Thema über Komplikationen, medizinische Eingriffe, usw. zu informieren. Und vor allem, wäre es ganz wichtig gewesen, zu sagen: “Ihr Frauen macht einen tollen Job, Ihr versucht Euer Bestes, doch wenn Ihr Hilfe unter der Geburt in Anspruch nehmt, ist das völlig ok und oft sogar lebenswichtig für Euch oder Euer Kind und Ihr seid als Mutter nicht weniger wert, weil Ihr es nicht alleine geschafft habt.”
Ich weiss, dass gerade die Hebammen dies auch nicht wirklich denken und einen vor unnötigen Eingriffen schützen möchten, doch ich habe mich einfach so oft gefühlt, als würden sie meinen, man könne fast jedes Kind in einer Geburtswanne mit Globuli und Aromatherapie bekommen, wenn man es nur wirklich wollte.
Ich würde mir einfach wünschen, dass die Hebammen und Ärzte besser miteinander arbeiten würden und man sich als Schwangere nicht so häufig im Spannungsfeld zwischen diesen Parteien fühlen müsste. Denn es geht doch nicht um wissenschafliche Dogmen verschiedener Fachrichtungen, sondern darum, Frauen in ihrem Weg durch die Geburt zu begleiten – egal wie dieser aussehen mag.
Doch die schlimmste Zeit war mit Abstand die Zeit auf der Wöchnerinnenstation. Diese hätte ich einfach komplett nicht gebraucht: nicht die Sprüche, ich solle nicht heulen, sonst würde ich auch keine Glückshormone bilden; nicht das übergriffige Heranpressen des Kopfes meines Babies an meine Brust als das Stillen nicht klappte; nicht das Genervtsein und die psychologische Inkompetenz der Schwestern, das Warten auf Hilfe, die lächerliche “Stillberatung” von 15 Minuten, die mir suggerierte, ich würde das Baby einfach nur falsch halten, die Kommentare zur Saugverwirrung usw.
Wenn es der gesundheitliche Zustand von Mutter und Kind zulässt, würde ich bei der Situation in den meisten Krankenhäusern jedem raten, ambulant zu entbinden und ein paar Stunden nach der Geburt nach Hause zu gehen. Doch so mutig war ich als Erstgebärende nicht und die Entzündugswerte unseres Sohnes mussten nach der schweren Geburt noch ein paar Tage lang gecheckt werden.
Eine Wöchnerinnenstation ist keine normale medizinische Abteilung, es geht nicht nur um das Messen des Blutdrucks, der Temperatur, etc., sondern um Menschen, die in einer völligen Ausnahmesituation sind und die Verständnis und Unterstützung brauchen. Ich möchte nicht mit dem medizinischen Personal tauschen, ich weiss, welchen Pflegenotstand es in Deutschland gibt, doch die meisten Schwestern auf unserer Station, haben den Beruf verfehlt oder sollten sich in andere Stationen versetzen lassen.
Es geht Gott sei Dank auch anders, denn unsere Nachtschwester war genau so, wie man es sich als frisch gebackene und völlig übermüdete Eltern wünscht. Sie kam immer schnell zu uns, wenn wir klingelten, zeigte keinen Funken von “genervt sein”, versuchte uns wirklich mit unserem Baby zu unterstützen (z.B. durch Pucken) und hatte einfach Verständnis, dass wir völlig am Ende waren, da unser Schatz nicht trinken wollte, nur schrie und nicht lange schlief. Bei den meisten anderen fehlte anscheinend jegliche Ausbildung oder Feingefühl.
Zu Hause hätte ich zudem eine andere Hebamme gebraucht, die mich intensiv beim Stillen unterstützt, mehr Zeit für uns gehabt und nicht so sehr in ihren eigenen Dogmen gelebt hätte. Das ständige Abpumpen und Füttern mit dem Finger-Feeder verlangte mir alle Kraft und jeglichen Schlaf ab. Irgendwann war für mich der einzige Ausweg, komplett die Reissleine zu ziehen und auf Flaschennahrung umzustellen. Ich konnte gar nicht mehr klar denken und wollte, dass es endlich einfach schön mit unserem Baby würde.
Mit meinen jetzigen Erfahrungen würde ich unserem Baby neben dem Anlegen einfach ein paar Flaschen geben, bis ich als Mutter wieder etwas zu Kräften gekommen wäre, damit das Baby erstmal satt und zufriedener wäre. Heute hätte ich da weniger Schuldgefühle und Angst vor einer vermeintlichen Saugverwirrung, aber damals habe ich mich wie die schlimmste Rabenmutter gefühlt, da ich mein Kind nicht lange stillen konnte.
Später im Babykurs im Geburtshaus hätte ich gerne auf die ständigen Belehrungen mit erhobenem Zeigefinger zum Thema Beikost und Ernährung allgemein verzichtet.
Im Geburtshaus wird gerne postuliert, dass nur selbstgekochter Brei keine Kindesmisshandlung ist und Gläschen nur Dreck enthalten. Mein Baby war aber nie ein ruhiger, zufriedener Zeitgenosse, der zufrieden mit seinen Füssen gespielt hat, während Mama Pastinaken püriert. Mein Baby wollte am liebsten 24 Stunden getragen werden oder zumindest meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich lauschte völlig ungläubig anderen Müttern, die noch Zeit und Energie hatten, ihren Kindern selbst Strampler zu nähen oder duschen gehen konnten, während ihr Kind im Badezimmer auf einer Decke lag! Ich war froh, wenn ich dazu kam, mir die Zähne zu putzen. Nicht jedes Kind ist gleich und auch nicht jede familiäre Situation: ich bin keine Rabenmutter, wenn ich meinem Kind auch mal Gläschennahrung gebe und es mir aus reinem Überlebenswillen hier und da etwas leichter mache. Es ging bei uns im ersten ¾ Babyjahr meist nicht um den Schwimmstil, sondern darum, nicht unterzugehen.
Ich habe die ganzen Klugscheisser-Kommentare zur Ernährung nicht gebraucht, ich bin seit 20 Jahren Vegetarier, habe immer leidenschaftlich gerne gekocht, mich mit gesunder Ernährung, Nachhaltigkeit und fairem Handel beschäftigt, jeden Dienstag kam die Biokiste ins Haus – doch Ihr könnt gerne mal vormachen, wie Ihr 5 Breimahlzeiten am Tag zubereitet, wenn Ihr ständig ein Baby mit stärkeren Bedürfnissen in der Trage vor Eurem Bauch geschnallt habt, Ihr völlig übermüdet seid und Rückenschmerzen habt. Wer da noch ständig den Pürierstab schwingen kann, ist entweder Masochist oder übernatürlich.
Auch den Tipp der Kinderärztin, unseren Sohn zum Einschlafen schreien zu lassen, hätte ich nicht gebraucht. Tatsächlich habe ich von vielen Kinderärzten auch im Netz genau diesen Ratschlag gelesen. Gott sei Dank habe ich zu dem Thema viel recherchiert und weiss, dass dieses Vorgehen allen heutigen Erkenntnissen der frühkindlichen Neurologie, Psychologie und Bindungstheorie widerspricht. Ausserdem fühlt es sich für jeden halbwegs sensiblen Menschen völlig falsch an, sein kleines Baby allein zu lassen und nicht auf sein Rufen zu antworten. Mit solchen Ratschlägen ist Niemandem geholfen, es gibt den Eltern nur wieder das Gefühl, etwas falsch zu machen. Denn hätte man sein Baby nicht so verwöhnt, hätte man jetzt nicht die Quittung, dass es nicht alleine einschlafen kann. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind durchgefallen – Setzen. Sechs.
Natürlich bin ich ein mündiger Mensch, der für sich und sein Baby selbst verantwortlich ist. Doch es ist frustrierend, wenn man von so vielen Personen, die einem im verrückten Babykosmos helfen sollten, nur weiter geschwächt wird. Vielleicht macht Ihr es beim nächsten Mal besser und versucht den Menschen in seiner individuellen Situation zu sehen. Ihr seid die Fachleute, an die man sich wendet, wenn man Fragen und Probleme hat. Ich habe so viele unfassbare Kommentare von anderen aus meinem Umfeld zu unserem Kind bekommen – ein paar Highlights:
“Er ist vielleicht so unruhig, weil Du so viel Sport in der Schwangerschaft gemacht hast.”
“Nimm ihn nicht gleich hoch, wenn er weint – Du verwöhnst ihn. Da musst Du Dich nicht wundern, wenn er auf Dich fixiert ist.”
“Die Kleinen wissen genau, wie sie uns manipulieren können.”
Bei all dem Quatsch, den man als frischgebackene Mutter so zu hören bekommt, solltet IHR diejenigen seid, die mich in meiner neuen Rolle stärken – oder wenigstens nicht weiter runterzieht.

