Eltern die zu Begleitungen bei mir sind oder waren lade ich ein einen Geburtsbericht oder die Erfahrungen mit ihrem Baby aufzuschreiben und wenn die Eltern möchten diese Berichte hier auf der Seite zu veröffntlichen.
Die Berichte werden und wurden von mir nicht zensiert oder verändert.
Unsere Schreibaby-Geschichte
Nachdem wir zwei Stunden als frischgebackene Familie im Kreißsaal verbringen und das Bonding genießen durften, wurden wir auf das Zimmer gebracht. Es war mittlerweile 5:30 Uhr und ich hatte seit Tagen nicht geschlafen.
Seit Tagen sanken die Temperaturen nicht unter 25 Grad und das sollte uns die nächsten Wochen auch noch weiterhin begleiten. Man sagte uns, dass man uns ein Kinderbettchen holen würde und so warteten wir darauf, dass wir alle drei uns von diesem Stress ein bisschen erholen konnten, aber es kam niemand. Wieder über eine Stunde später, so um 6:45 Uhr wurde das Kinderbett dann in unser Zimmer geschoben und wir versuchten alle drei, etwas zu schlafen.
Von wegen! Um 7:30 Uhr ging dann schon wieder die Tür auf. Frühstück. Mindestens fünf Mal am Tag kamen irgendwelche Menschen ins Zimmer, um zu fragen, was wir essen möchten, um uns das Essen zu bringen oder um mich zu untersuchen oder um mein Kind zu untersuchen. Entspannung gab es nicht.
Zudem war es ja auch weiterhin sehr sehr heiß im Krankenhauszimmer. Daher freute ich mich auf eine Dusche, aber leider kam aus der Leitung tagelang nur warmes Wasser heraus, sodass man sich nicht einmal unter der Dusche ein wenig Erfrischung verschaffen konnte. Nachts gab es auch keine Ruhe, denn in dieser Zeit hat unser Baby keine Ruhe gegeben. Schon im Krankenhaus hat es die Nacht zum Tag gemacht und hörte einfach nicht auf zu schreien.
Dass Babys schreien, wenn ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind, war uns klar, aber dass es auch Babys gibt, die exzessiv schreien und nicht zu beruhigen sind – das war uns neu.
Wir bemerkten also schon während der Krankenhauszeit, dass diese Art des Schreiens nicht das Schreien ist, das die meisten Eltern kennen. Als Erst-Eltern ist einem allerdings nicht ganz klar, ob man irgendetwas falsch macht oder ob man zu wenig Milch hat oder ob man sein Kind einfach nicht beruhigen kann oder ob man schlichtweg zu blöd ist, ein Kind zu bekommen, weil andere es ja schließlich auch hinbekommen.
Fragen, die uns niemand beantwortet hat. Wir haben mehrfach die Hebammen gerufen, weil wir einfach nicht wussten, was wir noch machen sollten, aber eine Lösung hatten die auch nicht parat. Wir hätten uns gewünscht, dass sich einfach jemand mit uns hingesetzt hätte und gesagt hätte: „Ja, es gibt Babys, die mehr schreien als andere. Babys, die mit den vielen Reizen nicht zurechtkommen. Babys, die sehr sensibel auf jedes Licht, jeden Ton, jede Stimme, jede Farbe usw. reagieren. Babys, die sich erst viel später als andere Babys selbst regulieren können. Babys, die sehr viel mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Geborgenheit einfordern als andere.“
Das alles mussten wir selbst herausfinden, was mit unfassbarer Mühe und herzzerreißendem Weinen und Schreien verbunden war, das wir oft noch verschlimmert haben, indem wir ihn ständig hektisch rumgetragen haben und versucht haben, ihn mit Spielsachen zu trösten. Es hätte uns früher jemand sagen können: „Das Beste, was ihr mit einem Schreibaby machen könnt, ist euch in eine reizarme Umgebung zu setzen und das Weinen mit Ruhe und Liebe zu begleiten.“
Wir hätten uns und unserem Baby einiges ersparen können. Stattdessen traute man sich monatelang nicht wirklich vor die Tür. Alles war ihm zu viel. Und so musste man sich von Familienmitgliedern Sprüche anhören wie „Die müssen sich ja jetzt nicht einigeln!“ oder „Babys schreien nunmal!“ oder der Klassiker „Das Kind hat bestimmt Hunger!“.
In den ersten Wochen und Monaten habe ich alles Mögliche zum Thema „Schreibaby“ oder „High Need Baby“ im Internet recherchiert. Ich wollte uns Hilfe holen. Ich habe mehrfach meine Hebamme angesprochen, aber bis auf Sab Simplex, Carum Carvi Kümmelzäpfchen, Lefax, Bauchmassage, Fliegergriff usw. hatte sie keine Idee. Auch bei der Abschlussuntersuchung durch meine Frauenärztin war mein Baby auffällig und schrie die ganze Zeit.
Die Sprechstundenhilfe wollte mich während der Untersuchung unterstützen und sagte: „Ich schockel das Kind schon für Sie!“. Schlimm, wenn man trotzdem noch sein Kind die ganze Zeit schreien hört. Am Ende sagte sie zu mir: „Holen Sie sich Hilfe.“ Toll. Wo denn?! Als Ausweg sah ich nur die immer wieder umworbene Schreiambulanz in einem Krankenhaus. Mit irgendjemandem musste ich doch darüber sprechen können. Ich war sehr gespannt auf meinen Termin dort. Drei Personen saßen mir gegenüber.
Aus psychologischer Sicht kann das doch eigentlich schon gar nicht sinnvoll sein. Statt eine vertrauensvollen Atmosphäre zu schaffen, fühlte man sich hier wie bei einem Verhör, aber weil ich ein offener Mensch bin, sollte mir das auch egal sein. Ich wollte jetzt schließlich meine Hilfe haben. Es kamen Aussagen wie: „Sie müssen ja jetzt nach 10 Wochen noch nicht einkaufen gehen.“ oder „Sie erscheinen uns schon ziemlich belastet.“ oder „Teilen Sie sich das Leid mit Ihrem Partner oder den Großeltern.“ Super.
Dafür dass Menschen dorthin gehen, die kurz davor sind, ihr Kind zu schütteln (und so weit waren wir zum Glück nie), fand ich diesen Termin sehr ernüchternd. Wieder war ich auf mich alleine gestellt. Mein Mann war ja schließlich arbeiten und die Nächte machte ich, bis auf längere Wachphasen, alleine. Kein Wunder, dass ich eine stressbedingte Gürtelrose bekommen hatte.
Weder die Frauenärztin, noch die Kinderärztin, noch die Hebamme oder die Schreiambulanz des Krankenhauses haben mir ansatzweise geholfen. Niemand hörte zu. Nach vier Monaten hatten wir langsam das Gefühl, dass es jetzt vielleicht wieder besser werden würde, aber dann wurde es am Ende des fünften Monats sogar nochmal schlimmer.
Daraufhin habe ich als letztes Mittel, dass mir einfiel, dann doch noch die Schreibabyambulanz von Daniela Schelling kontaktiert. ENDLICH hörte uns jemand zu! Endlich vermittelte mir jemand Sicherheit, Schutz und den Mut, mit meinem Schreibaby und seinen Gefühlen umzugehen. Seither wurde es stetig besser. Mit zunehmender Mobilität des Kindes und zunehmendem Selbstvertrauen der Mutter hat sich alles zum Besseren entwickelt.
Mein Baby ist immer noch sehr viel sensibler als andere, findet schlechter in den Schlaf und braucht mehr Ruhepausen, aber er ist auch sehr viel zufriedener, unter anderem weil ich als Mutter jetzt ein besseres Verständnis von alledem habe. Es war ein steiniger Weg und bis heute bedauere ich die Tatsache, dass wir unseren Start als Familie nicht genießen konnten.
Wenn ich andere Mütter mit ihren Maxi Cosis sehe, die im Café sind, bei irgendeiner Feier, bei Ikea oder in der Stadt denke ich immer: „Das wäre bei uns nicht möglich gewesen!“ Schade.

