Wie ein Schiffchen im Sturm

“Schrei-Begleitung”

Es kostete mich einige Überwindung mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauchte. Nach langem Ringen mit mir selbst nahm ich einen Beratungstermin in der SchreiBabyAmbulanz Wuppertal wahr. Die erste Sitzung veränderte alles für mich!

Ich möchte nachfolgend meine Erfahrungen teilen und anderen Eltern Mut machen, sich ebenfalls rechtzeitig Hilfe zu suchen. Außerdem möchte ich Daniela Schelling danken, die mich wertschätzend und behutsam in der Beratungssitzung begleitet und unterstützt hat.

Vor meinem Termin mit Daniela fiel es mir sehr schwer, das Weinen unseres Sohnes Lukas* auszuhalten. Er war nun fast ein Jahr alt und noch immer überschlugen mein Mann und ich uns, um unseren Kleinen ja nicht zu lange jammern oder klagen zu lassen.
Ich war der festen Überzeugung, dass es für Kinder in den ersten Lebensmonaten schädlich wäre, wenn man sie zu lange weinen lässt. Kritisch rümpfte ich die Nase, wenn andere mit Sätzen kamen wie „man muss ein Baby auch mal schreien lassen. Das stärkt die Lungen“. Sowas entstammt einer veralteten Sichtweise auf Erziehung. Eine, bei der Kinder abgehärtet werden sollen und tun müssen, was man ihnen sagt. Das wollte ich auf keinen Fall für mein Kind! Er sollte in dem Wissen aufwachsen, dass wir immer für ihn da sind und ihn bedingungslos lieben.

Als ich auf Daniela traf war ich an dem Punkt angekommen, an dem ich zwar jede Menge Liebe für meinen Sohn empfand, aber keine Kraft mehr hatte. Mir war so, als würde ich mich selbst verlieren. In unserem Tagesablauf gab es kaum Raum für mich. Immerzu standen die Bedürfnisse unseres Sohnes im Vordergrund. Und so schleppte ich mich mit meinen letzten Kraftreserven weiter und gab nach außen die glückliche Mutter.

In der Sitzung mit Daniela erging es mir nicht anders: Lukas wurde plötzlich unruhig und wollte an die Brust. Nach zwei Schlucken strampelte er sich von meinem Arm runter, spielte etwas, und nach wenigen Minuten begann der Kreislauf von vorne. Daniela fragte mich, ob ich jetzt überhaupt stillen möchte. Die Antwort kostete mich tatsächlich etwas Bedenkzeit. So tief hatte ich meine eigenen Bedürfnisse vergraben. Doch als ich in mich hinein horchte erkannte ich: Nein, eigentlich möchte ich das so nicht.
Direkt schoß mir Gedanke durch den Kopf: „Wenn ich es nicht stille, weint er doch!“. Es war klar, dass Lukas gerade keinen Hunger hatte. Also warum das Stillen nicht sein lassen? In mir wehrte sich alles: dann würde ich mich ja gegen ihn entscheiden! Ich wäre nicht für ihn da, so wie er es braucht! Daniela erklärte, dass ich mich nicht GEGEN meinen Sohn, sondern FÜR MICH entscheiden würde. Das wäre etwas völlig anderes und Lukas würde den Unterschied spüren. Wir redeten noch weiter darüber, was meine Beweggründe sind, mich so aufzuopfern und wie sich dies auf mich und meinen Sohn auswirkt. Dann bot Daniela mir an mich zu unterstützen, wenn ich mich in der aktuellen Situation dafür entscheide, lieber nicht zu stillen. Ich nahm das Angebot an.

Wie erwartet protestierte Lukas heftig. Er zupfte an meiner Kleidung und klagte und jammerte. Daniela stand mir bei. Sie erinnerte mich daran tief ein und langsam auszuatmen. Sachte und doch mit leichtem Druck legte sie mir die Hand auf den Rücken. Ich fühlte die Hand wie einen Anker, der mich in der Welt hielt. Dabei stemmte ich meine Füße auf den Boden und hielt meinen kleinen Sohn im Arm, der nun bitterlich weinte und schrie. Ich spürte seine Traurigkeit und seinen Frust. Und gleichzeitig war ich innerlich gefestigt und stark. Spürte mich selbst und meinen Körper und gab Lukas so etwas, an dem er sich festhalten konnte.Es war wie in dem Bild, dass Daniela in unserem Gespräch zuvor beschrieben hatte: wenn Lukas von seinen Gefühlen übermannt wird, ist er wie ein Schiffchen, dass in einem tosenden Meer umhergeworfen wird. Ich dachte immer, ich könnte Lukas helfen, indem ich emotional ganz nah bei ihm bin. Im Endeffekt war ich dann aber mit ihm auf dem Schiffchen, klammerte ich mich an der Reling fest und wurde genauso von Gefühlen aufgewühlt wie er.
Nun war ich das Land, das vom Schiffchen aus zu sehen war. Ich war fest und stark und würde Lukas wie ein Leuchtturm den Weg aus dem Sturm zeigen.Und so flüsterte ich in dem Moment, in dem Lukas sich weinend an meinen Hals schmiegte immer wieder „Ich bin dein Land. Ich bin stark genug, um die Gefühle mit dir auszuhalten. Du findest bei mir Ruhe und Halt“. Und so fühlte ich mich auch: Ruhig und stark.
Völlig irrwitzig eigentlich, da mein wunderbarer Sohn so herzzerreißend weinte. Ich hätte erwartet, dass Schuldgefühle und Panik in mir hochsteigen würden. Stattdessen war da diese tiefe Gewissheit, dass schon alles gut werden wird. Ich hatte den Eindruck, dass Lukas nun endlich rauslassen konnte, was ihm so lange auf der Seele gelegen hatte. Endlich hörte ihm jemand zu und hielt ihn tröstend im Arm, anstatt ihn sofort mit rumalbern, spielen oder stillen abzulenken. Er konnte alles rauslassen und ich war stark genug ihn dabei zu begleiten.
Lukas‘ Weinen verebbte nach und nach und wurde zu einem friedlichen Plappern. Immer noch lagen seine Arme um meinen Hals und auf meiner Schulter. So an mich gekuschelt schlief er schließlich ein.

Ich hielt ihn weiter im Arm, ein stolzes Lächeln hatte sich auf meinem Gesicht breit gemacht. Lukas seufzte mehrmals tief und zufrieden im Schlaf. Wir hatten den Sturm überstanden.
Daniela nahm nun die Hand von meinem Rücken und ich setzte mich bequem hin. Ich genoss so sehr das Gefühl von Lukas kleinem schweren Körper auf meiner Brust. Auch meinen eigenen Körper spürte ich und fühlte mich erschöpft, aber erleichtert.
Daniela und ich reflektierten das, was gerade passiert war. Mir wurde klar, dass ich das Schreien unseres Sohnes immer nur als etwas Schlechtes betrachtet hatte. Als ein Zeichen dafür, dass wir keine guten Eltern sind, weil unser Baby ja offenkundig so unglücklich ist. Nun war ich regelrecht erschüttert, wie falsch ich mit dieser Einschätzung gelegen hatte. Not und Schmerz herauszuschreien, tat Lukas gut! Er verarbeitete so seine Erfahrungen – wie wir Erwachsenen auch. Nur das wir vor uns hin schimpfen, wenn z.B. ein anderer Autofahrer uns die Vorfahrt nimmt.
Babys haben nur die Ausdrucksmöglichkeit des Schreiens.Daniela erklärte, dass es einen Unterschied macht, ob man das Baby alleine lässt, wenn es schreit oder es in seiner Trauer und seinem Schmerz begleitet. Wenn wir unseren Kleinen tröstend beistehen, zuhören und Halt geben, ist das alles was sie brauchen um aus dem Sturm herauszufinden.Und wenn wir dann noch in uns ruhen und tief und bedächtig ein- und ausatmen, machen wir unseren Kindern vor, wie man starke Gefühle verarbeiten kann. Wie sie wieder Halt und Ruhe finden können. Und zwar aus eigener Kraft, und nicht, weil ein Spielzeug oder leckere Milch sie ablenken.
Das sind – so Daniela – Ersatzbefriedigungen, die nur scheinbare Zufriedenheit und Ruhe erzeugen. Das echte Leben hält nun mal Stürme bereit.

Wuppertal, 10.09.2019

*Name geändert

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